1004337___colors__Japaner: Das Klischee besagt, dass Konsolenspiele die Hitliste ihrer Freizeitbeschäftigungen bei Weitem anführt. Und nicht nur das – angeblich sind Japaner, neben ihrem angeblichen Faible für exzessiven TV-Konsum, auch noch die weltbesten Gamer. Und für diesen Ruhm tun sie auch Einiges, wenn man den Legenden Glauben schenken darf: Stunden- oder Tagelang, heißt es, säßen japanische Jugendliche, aber auch Erwachsene vor dem PC oder der Spielkonsole, auf Essen, Trinken und ausreichend Bewegung vergessend und vollkommen in die Cyberwelt versunken.

Wo in europäischen Ländern zudem grünlich schimmerndes künstliches Blut auf dem Bildschirm erscheint, ist in der japanischen Version der meisten Spiele oftmals eine wahre Gewaltorgie zu sehen.
Wen wundern da noch scheinbar immer öfter auftauchende Pressemeldungen von Amokläufen, Selbstmorden oder Jugendlichen, die nach stundenlangen Gamer-Exzessen zusammenklappen…

Hardcore Zocker in Japan nur ein Mythos…?

Aber sind das tatsächlich die Fakten? Wer genauer nachgrübelt, erinnert sich auch an die andere Seite Japans, die uns in Dokumentationen und Berichten vorgestellt wird.
Da büffeln Schülerinnen und Schüler, in adrette Uniformen gekleidet, über ihren Lehrbüchern und leiern das Erlernte anschließend auswendig den Lehrern vor. Da strömen bienenfleißige und Fabrikarbeiterinnen und Arbeiter in die Stätte ihres Wirkens und erhöhen den Profit ihrer Arbeitgeber gerne und freiwillig auch noch weit nach Dienstschluß. In Großraumbüros sitzen emsige Japaner, Seite an Seite, und tippen in irrsinnigem Tempo Daten in ihre Computer, um sich – nach der erforderlichen Anzahl von Überstunden – in überfüllte U-Bahnen zu pferchen und den Heimweg anzutreten.

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Schnarchige Angelegenheit: Nach einem 11h Arbeitstag noch zocken?

Aber was davon stimmt denn nun? Hier die vergnügungssüchtigen Hardcore-Gamer, dort die arbeitsamen Streber und Vorzeige-Musterschüler und Angestellten – auf der einen Seite die ewig lächelnden Kaufhaus-Tür-Aufhalter, in der gegenüber liegenden Ecke des Rings der verbissen trainierende Gamer, dessen höchstes Glück im Erringen einer immer höheren Punktezahl, im Erreichen eines immer höheren Levels, im Bezwingen des letzten und schaurigsten Endgegners liegt.

Ein Japaner arbeitet im Durchschnitt 48,8 Tage länger als ein Deutscher

Die Wahrheit wird wohl, wie so oft, irgendwo dazwischen liegen.
Wer mit knapp zwei Monaten (wie in Japan durchaus üblich) ins Bildungssystem eingegliedert wird und – wie 95% der japanischen SchülerInnen – eine höhere Schule besucht, wird wahrscheinlich die Zeit für exzessives Spielverhalten gar nicht haben, zumal – und das ist tatsächlich Fakt – das japanische Schulsystem den Kindern und Jugendlichen Einiges abverlangt.

Japaner sind, auch das kann mittlerweile als gesichert gelten, äußerst leistungsorientiert. Kaum ein Jugendlicher, der nicht schon in jungen Jahren ein genaues Ziel vor Augen hat, in welcher Branche, ja vielleicht sogar in welcher Firma, später gearbeitet und welche Ziele erreicht werden sollen. Und dafür wird auch gelernt und geübt, wie es in Europa teils gar nicht vorstellbar ist.

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Zocken bis der Arzt kommt?

Liegt hier der sprichwörtliche Hund begraben? Ist es der durchschnittliche Japaner so gewohnt, in jedem Bereich Leistung zu erbringen, dass man sogar in der karg bemessenen Freizeit – koste es, was es wolle! – der Erste, der Beste, der Sieger sein muß?

Oder ist die Flucht in eine Cyberwelt oft die einzige Chance für diejenigen, die dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind, die einzige Möglichkeit, etwas zu sein, etwas zu leisten?

Am wahrscheinlichsten ist aber einfach, dass wir Europäer die japanische Kultur, die von unserer so verschieden ist, einfach begreifen wollen und daher froh sind, Schubladen schaffen zu können, in die man nach Belieben einteilen kann.
Die Schublade “Japanische Hardcore-Gamer” und das Regalfach “Emsiger Angestellter” sind da jedenfalls gerade willkommen…

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